News 2016

Großbritannien: Fundraising ist belastbar und hatte nie mehr Bedeutung

Wohltätigkeitsorganisationen sind seit Jahrhunderten das Herzstück der britischen Gesellschaft. Viele unserer Wohltätigkeitsorganisationen sind allgemein bekannte Namen, die eng mit unserer gesellschaftlichen Geschichte und Kultur verbunden sind, und es gibt Tausende von kleineren Organisationen, die in jeder Gemeinde unglaubliche Arbeit leisten. Die letzte Zählung ergab insgesamt 163.000 gemeinnützige Einrichtungen in Großbritannien.

Durch ihre Arbeit werben Fundraiser über £ 20 Milliarden pro Jahr für gute Zwecke ein, über £ 9 Milliarden dabei von Privatspendern. Wohltätigkeitsorganisationen sind auf die Großzügigkeit der Öffentlichkeit angewiesen, und diese Großzügigkeit wird durch die wichtige Arbeit der Fundraiser gefördert. Es ist zum Teil auch ein Verdienst der Fundraiser, dass das Vereinigte Königreich vor kurzem als die großzügigste Nation in Europa eingestuft wurde. Rob Wilson, Mitglied des Parlaments und britischer Minister für Zivilgesellschaft sagte: "Ohne Fundraiser würde es Wohltätigkeitsorganisationen, wie wir sie kennen, nicht geben."

Negative Deckung, belastbar Spendenaktionen

Trotz dieser zentralen Rolle, die Wohltätigkeitsorganisationen im täglichen Leben des Vereinigten Königreichs spielen: die letzten Jahre waren hart für die Organisationen und für Fundraiser im Besonderen. Wie einige Leser vielleicht mitbekommen haben,  stand die Fundraising-Branche zu Beginn des vergangenen Jahres unter erheblichen Druck, nachdem einige prominente Fälle von schlechter Fundraising-Praxis bekannt wurden und intensive Medienberichterstattung sowie politische Untersuchungen nach sich zogen, an denen selbst der damalige Premierminister David Cameron beteiligt war. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass im Sommer 2015 das Thema Fundraising über Monate hinweg aus den falschen Gründen auf den Titelseiten der größten britischen Zeitungen war. Diese negative Berichterstattung führte zu einer breiten Debatte über die Regulierung von Fundraising und moderne Fundraising-Techniken. Die Regierung und das Parlament forderten Klärung von den zuständigen Stellen. Meinungsumfragen zeigten, dass durch diese Berichterstattung das öffentliche Vertrauen in Wohltätigkeitsorganisationen gesunken war.

Allerdings sind britische Wohltätigkeitsorganisationen und unsere Fundraiser belastbar. Das „Institute of Fundraising“ und unsere Mitglieder trugen dazu bei, Veränderungen im Regulierungssystem voranzutreiben. Wir haben sofort Maßnahmen ergriffen, um den „Code of Fundraising Practice“ zu ändern, und zum Beispiel den Verkauf von Spenderdaten zu verbieten und festzuhalten, dass Wohltätigkeitsorganisationen die Daten ihrer Spender nur mit deren ausdrücklicher Zustimmung weitergeben dürfen. Wir unterstützten den Aufbau eines neuen, leistungsfähigeren Fundraising-Regulierungsapparats, verantwortlich für die Festlegung von Standards und Beschwerden seitens der Öffentlichkeit. Und was vielleicht am wichtigsten war: die Wohltätigkeitsorganisationen haben sich selbst überprüft und ihre Verfahren angepasst. Dies bedeutet nicht, dass sie weniger aktiv sind, oder weniger investieren in Fundraising. Sie achten vielmehr darauf, die Verbindungen zwischen den Gebern und den von ihnen unterstützen Projekten zu verstärken und führen neue und innovative Wege des Fundraisings ein, um sicherzustellen, dass sie immer im Einklang mit den Reglements und den Erwartungen der Öffentlichkeit stehen. Unsere Umfrage"Managing in the New Normal" (1), bei der wir Fundraiser befragt haben, zeigte, dass viele Wohltätigkeitsorganisationen planen, im kommenden Jahr mehr in Fundraising zu investieren.

Finanzielle Herausforderungen

Was bedeuten nun all diese Änderungen für Spenden an gemeinnützige Zwecke? Trotz einiger Umfragen, die zeigen, dass das öffentliche Vertrauen in Wohltätigkeitsorganisationen gesunken ist (siehe meinen Blog-Beitrag hierzu (2)), ist die gute Nachricht, dass Spender weiterhin an die Wohltätigkeitsorganisationen geben, die sie unterstützen möchten. Trotz aller negativen Medienberichterstattung und trotz Umfragen, die zeigen, dass es in der Öffentlichkeit Verluste bezüglich des Vertrauens in Wohltätigkeitsorganisationen gegeben hat, bleibt das Niveau der privaten Spenden hoch. Bei den Spendern, die regelmäßig über eine Lastschrift von ihrem Bankkonto zahlen, haben wir das zweitniedrigste Level an Streichungen dieser Lastschriften gesehen. So haben wir allen Grund zu glauben, dass Fundraising in Großbritannien auch weiterhin eine glänzende Zukunft haben wird.

Diese unerschütterliche Unterstützung durch die Spender ist wichtig, weil Fundraising vielleicht nie mehr Bedeutung hatte als heute. Die vergangenen Jahre haben vor allem an kleine und mittlere Wohltätigkeitsorganisationen beträchtliche finanzielle Herausforderungen gestellt. In größerem Ausmaß, als bei vielen unserer europäischen Nachbarn, reagierte die britische Regierung auf die wirtschaftlichen Bedingungen nach der Finanzkrise von 2008, indem sie riesige Staatsausgaben abbaute. Viele Wohltätigkeitsorganisationen, insbesondere kleinere Organisationen, hatten ihre Finanzierung auf Zuschüsse und andere Unterstützung aus lokalen und nationalen Töpfen der öffentlichen Hand gestützt. Als das Sparprogramm durchgeführt wurde, endeten viele dieser Förderprogramm und ließen die gemeinnützigen Organisationen zurück auf der dringenden Suche nach neue Einkommensquellen.
Eine finanzielle Nachhaltigkeitsüberprüfung des gemeinnützigen Sektors, die im Jahr 2015 durchgeführt wurde, zeigte, dass es, obwohl die britische Wirtschaft seit 2012 gewachsen ist, zu einem prognostizierten jährlichen Defizit von 4,6 Mrd. £ für die gesamte Branche bis 2018/19 kommen würde. Die Überprüfung ergab ferner, dass kleinere Wohltätigkeitsorganisationen besonders wenig von der kürzlichen wirtschaftlichen Erholung profitiert haben und am stärksten von staatlichen Ausgabenkürzungen betroffen waren. Bis einschließlich letztes  Jahr hatten kleine Wohltätigkeitsorganisationen ganze 34-38% ihres Einkommens von Seiten der öffentlichen Hand verloren.

Fundraising - wichtiger denn je

Hinzu kommt, dass sich viele in der Branche nun auch darüber Gedanken machen, welche Auswirkungen der Ausstieg des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union auf ihre Arbeit und Einnahmen haben werden und welche Auswirkungen auf die Sicht, die Ausländer auf das Vereinigten Königreichs und seine Bürgerinnen und Bürger haben. Die Wohltätigkeitsorganisationen in Großbritannien erhalten jährlich schätzungsweise 200 Millionen Euro aus EU-Mitteln. Auch wenn diese Summe nur 0,5 Prozent des Branchen-Einkommens ausmacht, wird sie vor allem für diejenigen Wohltätigkeitsorganisationen massive Auswirkungen haben, die Armut bekämpfen, sowie Flüchtlinge und Frauen, die unter häuslicher Gewalt leiden, unterstützen. Viele Wohltätigkeitsorganisationen erhalten Zuschüsse von europäischen Gremien und mussten nun erkennen, dass diese gefährdet sind. Die internationalen Wohltätigkeitsorganisationen haben vor allem mit dem sinkenden Wert des Pfundes zu kämpfen – denn dies bedeutet, dass sie mit Spenden, die sie aus dem Vereinigten Königreich erhalten, nun weniger lebensrettende Materialien kaufen und in Entwicklungsländern weniger Maßnahmen umsetzen können.

Angesichts der vielen britischen Wohltätigkeitsorganisationen, die unter solch einem anhaltenden finanziellen Druck stehen, werden steigende Einnahmen von engagierten privaten Spendern vielleicht wichtiger denn je. Das „Institute of Fundraising“ arbeitet daher noch intensiver daran, das Fundraising der gemeinnützigen Organisationen zu unterstützen. Unsere Mitgliedschaft hat im vergangenen Jahr deutlich zugenommen und umfasst mittlerweile über 6.000 Einzelmitglieder und über 520 Organisationsmitglieder. Wir haben ein florierendes Netzwerk an regionalen und thematischen Interessensgruppen in jedem Teil des Vereinigten Königreichs. Außerdem sind wir vor kurzem mit der Public Fundraising Association fusioniert, die unser Team erweitert und es uns ermöglicht hat, einen neuen Service zu entwickeln, der unseren Mitgliedern dabei hilft, die Fundraising-Regulierungen einzuhalten.

Wir bieten unseren Mitgliedern Unterstützung bei der Frage, wie sie die neuen gesetzlichen Anforderungen in Bezug auf Fundraising verstehen und danach handeln können, indem wir Leitfäden veröffentlichen sowie Schulungen und Events durchführen. Wir werden unseren Beitrag zur Unterstützung bewährter Praktiken bei der Fundraisingarbeit leisten, angeführt von den Aktivitäten unserer Trainings-, Politik- und Compliance-Teams. Wir pflegen unser Netzwerk und wir setzen uns direkt bei politischen Entscheidungsträgern im Namen unserer Mitglieder ein.

Britische Wohltätigkeitsorganisationen und das Fundraising, das ihre Arbeit ermöglicht, waren nie wichtiger. Und während die Unterstützung derer, die an die Arbeit unserer Wohltätigkeitsorganisationen glauben, so stark wie nie zuvor ist, haben die letzten Jahre einiges an Herausforderungen an sie gestellt. Ich bin stolz auf unsere Mitglieder und ihre Arbeit, und wie sie angesichts der Herausforderungen doch weiterhin innovativ und belastbar sind. Beim „Institute of Fundraising“ sind wir dafür da, um großartige Fundraiser zu unterstützen und ihnen dabei zu helfen, der Zukunft vertrauensvoll zu begegnen.
Und seien Sie versichert, wir und unsere Mitglieder, wollen laufende produktive Beziehungen und das gemeinsame Lernen mit unseren europäischen Kollegen und Partnern auf jeden Fall weiterführen!

 

Autor: Peter Lewis, Chief Executive of the Institute of Fundraising


Der englische Original-Artikel ist als Gastbeitrag in der Rubrik "Internationales" im FUNDStücke Magazin Ausgabe 4-2016 erschienen.

 

www.institute-of-fundraising.org.uk/guidance/research/managing-in-a-new-normal/

http://fundraising.co.uk/2016/07/27/charities-need-focus-trustworthy-not-trust-fundraising-can-lead-way/#.WCBgKslTLWx

 

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